Tipps von Dr. Franz Josef Burghardt:
Adlige Vorfahren
Die meisten Familienforscher sind überrascht, wenn sie bei der Suche in alten Kirchenbüchern
plötzlich auf adlige Vorfahren stoßen. In vielen Gebieten Deutschlands ist das aber nichts
Ungewöhnliches, obwohl man überwiegend meint, dass es zwischen bürgerlichen und adligen Familien
eine scharfe Trennung gegeben habe. Tatsächlich waren Adlige vor 1800 - und teilweise noch bis
1918 – Personen mit besonderen Rechten, sei es in der Landesverwaltung, bei der Besteuerung, im
Militärwesen oder vor Gericht. Sie galten als Führungsschicht, der sich die anderen Menschen
unterzuordnen hatten. Daher waren die Adligen darauf bedacht, Heiraten mit Nichtadligen zu
vermeiden, denn solche Ehen brachten die Gefahr mit sich, dass die eingeheirateten bürgerlichen
Personen ebenfalls adlige Rechte einforderten.
Diese Abgrenzung gelang aber aus zwei Gründen nicht: Durch Adelserhebungen („Nobilitierungen“)
konnten der Kaiser und die europäischen Könige verdienten bürgerlichen Beamten oder Offizieren den
Briefadel verleihen. Diesen „Briefadligen“ gelang es aber nur selten, von den „Uradligen“ als
Ihresgleichen anerkannt zu werden, so dass sie notgedrungen häufig weiterhin Bürgerliche heiraten
mussten. Durch Kriege und fortgesetzte Erbteilung ihres Besitzes gerieten viele Adelsfamilien
zudem in große soziale Not, so dass es besonders im 17. Jahrhundert zu zahlreichen Ehen zwischen
verarmten adligen Frauen und wohlhabenden bürgerlichen Männern, insbesondere Beamten, kam. Im
Umfeld solcher „unebenbürtiger“ Ehen findet man sehr häufig Paten aus adligen Familien. Man
erkennt diese Personen fast immer an Bezeichnungen, die der Pfarrer zur Hervorhebung gewählt hat,
wie H./F. oder D. (Herr/Frau, lat. Dominus/Domina), Jr. oder Jk. (Junker), praenob. (adlig, lat.
praenobilis) und LB (Freiherr, lat. Liber Baro).
TIPP 1
Achten Sie auf Besonderheiten bei Paten Ihrer Vorfahren und deren Geschwister!
Wenn Sie einen adligen Vorfahren gefunden haben, sollten Sie zunächst die Heimatliteratur zurate
ziehen oder über das kommunale Archiv Kontakt zu einem Heimatforscher aufnehmen. Sehr häufig ist
nämlich die Geschichte der örtlichen Adelsfamilien im Zusammenhang mit Rittersitzen oder Gutshöfen
bereits erforscht. Aber Vorsicht: Verlassen Sie sich niemals auf Familienchroniken vor etwa 1930
und schon gar nicht auf solche vor 1900! Damals wurde sehr viel gelogen, weil bürgerliche Familien
unbedingt ihre angeblich adlige Abstammung „Beweisen“ wollten.
TIPP 2
Suchen Sie in der Heimatliteratur nach den örtlichen Adelsfamilien, verlassen Sie sich aber nicht
auf die Richtigkeit dieser Angaben!
Natürlich gibt es auch große Adelslexika, wie die von Kneschke und Hefner von 1860-1870. Dort
findet man aber ganz allgemeine Informationen, die dem Familienforscher nicht weiterhelfen.
Wesentlich besser ist dagegen das jüngst im Starke-Verlag erschienene Adelslexikon mit neueren
Literaturhinweisen. Besonders wertvoll sind die – nur in Bibliotheken oder Archiven einsehbaren -
umfangreiche handschriftlichen Sammlungen von „Adelsforschern“ zu den Adelsfamilien einer Region,
im Rheinland z. B. die Sammlungen Oidtman und Niederau Aber auch solche Sammlungen namhafter
Freizeitforscher sind mehr oder weniger lücken- und fehlerhaft, so dass letztlich nur die eigene
sorgfältige Forschung in den Archiven Sicherheit geben kann.
Archivmaterial zu Adelsfamilien gibt es in Hülle und Fülle, z. B. umgangreiche Gerichtsakten wegen
Besitzstreitigkeiten, Heiratsverträge, Testamente, Belehnungen und Pachtverträge. Mit Hilfe dieser
Unterlagen gelingt es fast immer, eine gesicherte Stammfolge bis ins 15., häufig auch bis ins 14.
oder sogar 13. Jahrhundert aufzustellen. Wegen der alten Schriftformen verlangt eine solche
Archivarbeit aber sehr viel Zeit und tiefe Kenntnisse über die gesellschaftlichen Verhältnisse des
späten Mittelalters.
TIPP 3
Vertiefen Sie sich erst dann in die Adelsforschung, wenn Sie die übrigen Nachforschungen zu Ihren
Vorfahren erledigt haben!
Bei manchen Familienforschern ist der Nachweis einer Abstammung von Karl dem Großen sehr beliebt.
Die Bücher von Rösch und Brandenburg geben eine Übersicht über die Nachkommenschaft dieses ersten
abendländischen Kaisers zwischen etwa 800 und 1300. Die im Verlag Degener au CD-ROM erhältliche
Datenbank von H. Stoyan enthält ebenfalls eine große Übersicht über diese Nachkommenschaft.
Dabei muss man aber bedenken, dass die Quellenlage im Hochmittelalter, also in der Zeit 900-1200
sehr schlecht ist, so dass die Generationenfolge oft nur durch eine einzige Klosterchronik bezeugt
ist. Von einem historisch gesicherten Nachweis der Abstammung kann hier nicht die Rede sein.
Interessant sind solche Verbindungen zwischen Kaiser Karl d. Gr. (+ 814) und einem heutigen
Bürgerlichen aber sozialgeschichtlich, was ich in meinem Buch Familienforschung unter dem
Stichwort „soziale Mobilität“ näher ausgeführt habe.