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Tipps von Dr. Franz Josef Burghardt:

Verwandt oder blutsverwandt ?

Was ist eigentlich „Verwandtschaft“? Diese Frage haben vor allem Juristen schon seit der Antike zu beantworten versucht, und als Familienforscher sollte man einiges darüber wissen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Zunächst einmal das Einfache: Wenn von „Blutsverwandtschaft“ (lat. consanguinitas, altdt. Magschaft) zweier Personen die Rede ist, so ist damit gemeint, dass die eine von der andern abstammt oder dass beide mindestens einen gemeinsamen Vorfahren hatten; sie haben also beide „das Blut“ dieses gemeinsamen Vorfahren in sich. Aus der Sicht eines Humangenetikers ist das nur mit sehr großem Vorbehalt sinnvoll, denn grundsätzlich kann es vorkommen, dass schon ein Enkel kein Gen z. B. seines Großvaters väterlicherseits mehr besitzt.

In unserem Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) wird nur von „Verwandtschaft“ gesprochen, gemeint ist dabei aber immer „Blutsverwandtschaft“. Dabei wird zwischen „Verwandtschaft in direkter Linie“ von Großeltern-Eltern-Kindern und „Verwandtschaft in der Seitenlinie“ von Vettern, Neffen usw. unterschieden.

Die Blutsverwandtschaft war zu allen Zeiten und bei allen Völkern ein besonderes Kennzeichen der Verbundenheit von Personen. Allerdings gab es je nach Kulturkreis – und auch in Mitteleuropa selbst! – teilweise große Unterschiede in der Beurteilung der Frage, welche Form der Blutsverwandtschaft mehr oder weniger verbindet. Denn der Grad der Personenverbundenheit war grundlegend wichtig für die Rechtsauffassung, z. B. im Erbrecht.

Für den Familienforscher ist dabei der Familienname von besonderer Bedeutung. Er spiegelt die engste Verbindung wieder, die man in ganz Europa seit dem Mittelalter in der „agnatischen“ Verwandtschaft sah. Damit sind alle Personen (Agnaten), also Männer und Frauen gemeint, deren Blutsverwandtschaft nur durch Männer, also „im Mannesstamm“ vermittelt wird. Genau so wurde ja der Familienname weitergegeben, immer nur vom Vater auf die Kinder. Alle anderen blutsverwandten Personen nennt man „Kognaten“. Bei ihnen wird die Blutsverwandtschaft an mindestens einer Stelle durch eine Frau vermittelt.

Unter allen Blutsverwandten (dem „Magen““) einer Person rangierten die männlichen Kognaten der Vaterseite nach den Agnaten an zweiter Stelle; im Adel nannte man sie „Schwertmagen“ (auch Speermagen oder Germagen). Alle übrigen Kognaten bildeten an dritter Stelle der verwandtschaftlichen Nähe den „Spindelmagen“ (oder Kinkelmagen).

Diese Vorstellungen sind auch heute teilweise noch lebendig. So ist in der Familienforschung neben der Ahnentafel nach wie vor die alle Agnaten umfassende Stammtafel die fast ausschließlich benutzte Darstellungsform. Manchmal benutzte man für die Agnaten auch den Begriff „(feste) Sippe“, heute spricht man allgemein nur von „Familie“. Die früher sogenannten „(Orts-)Sippenbücher“ sind heute die „Familienbücher“. Nicht mehr benutzt wird die Bezeichnung „wechselnde Sippe“ für alle Blutsverwandten.




Was sollte man heute als Familienforscher beachten?

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie in einem Kirchenbuch lesen, dass auch Blutsverwandte heirateten. Je nach Nähe dieser Blutsverwandtschaft war eine Heirat verboten, nur mit besonderer Genehmigung möglich oder ohne Einschränkung möglich. Im katholischen Kirchenrecht wurde die Nähe der Blutsverwandtschaft – agnatisch und kognatisch gleichermaßen – durch die Anzahl der Geburten von dem gemeinsamen Vorfahren bestimmt. So ist ein Mann mit seiner Nichte „im 1. und 2. Grad“, mit seiner Großnichte „im 1. und 3. Grad“ blutsverwandt. Hatten die Brautleute nur eine gemeinsame Ururgroßmutter, so waren sie „im 4. Grad“ blutsverwandt, was kein Ehehindernis mehr darstellte.

TIPP 1:
Beachten Sie bei Angaben zur Blutsverwandtschaft in Kirchenbüchern die Zählweise nach dem Kirchenrecht, die verschieden ist von der des heutigen Bürgerlichen Rechts.

Viele Familienforscher möchte „alle Verwandten“ erfassen, also nicht nur die Vorfahren (Ahnen) oder die Agnaten (Familie), sondern auch die Kognaten oder sogar alle angeheirateten Familien. Davon kann man nur dringend abraten, weil dies i. a. jeden vernünftigen Zeitrahmen sprengt. Eine Ausnahme ist hier die Affinitätstafel, die ganz gezielt eine entfernte Verwandtschaft von Personen wiedergibt, weil diese – etwa durch Protektion oder Erbschaft infolge einer Heirat – wichtige gesellschaftliche Positionen oder einen bestimmten Immobilienbesitz innehatten

TIPP 2:
Verzetteln Sie sich nicht in der Suche nach allen Blutsverwandten. Beschränken Sie sich zunächst auf Ihre Vorfahren (Ahnen) und dann auf Ihre Agnaten (Familie)

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