Aus Familienforschung von Dr. Franz Josef Burghardt
Befragung
Man sagt, dass mit dem Tod eines älteren Menschen eine ganze Bibliothek untergeht. In der Tat haben gerade die Historiker in den letzten
Jahren erkannt, dass die "gehörte Geschichte" (oral history), die in alten Zeiten die einzige Form der Geschichtsvermittlung darstellte, von
außerordentlicher Bedeutung ist. Allerdings muss man die so gewonnenen Informationen auch sehr kritisch betrachten.
Die systematische Befragung von Personen, die etwas über unsere Vorfahren wissen können, sollte daher mit großer Sorgfalt durchgeführt
werden. Dabei ist keineswegs nur an die nächsten Verwandten - Eltern, Großeltern und deren Geschwister - zu denken. Vielmehr müssen
auch Bekannte aus Nachbarschaft, Beruf, Kirchengemeinde, Schul- und Militärzeit usw. berücksichtigt werden. Denn Geschwister haben
sich allzu häufig bei der Erbteilung nach dem Tod der Eltern zerstritten und auseinandergelebt, während Freundschaften oder eine gemeinsame
Berufstätigkeit oft bis ins hohe Alter anhielten.
Gerade ältere Menschen sollten möglichst umgehend befragt werden, da sie wenig später vielleicht schon gestorben sind oder in hohem Alter
weit zurückliegende Ereignisse nur noch lückenhaft wiedergeben. Natürlich enthalten Erzählungen fast immer Fehler und auch immer ganz
persönliche Bewertungen. Um so mehr kommt es darauf an, das beiläufig Erwähnte festzuhalten, das sich im Nachhinein als viel wichtiger
erweisen kann als die vermeintliche Hauptsache. So kann am Rand des Gesprächs von Möbeln, Kleidung oder Mahlzeiten die Rede sein, was
Rückschlüsse auf die soziale Stellung der Familie zulässt. Überhaupt lassen sich gerade frühere Lebensumstände sehr gut aufgrund von
Erzählungen rekonstruieren, sei es der Anbau oder der Kauf von Lebensmitteln sowie deren Kühlung und Konservierung, die Anlage von
Wasserleitungen und Elektrizität, die Bedeutung der Eisenbahn usw.
Schwieriger ist es schon, aus den Berichten etwas über den Charakter eines Vorfahren zu entnehmen. Vielleicht war der Erzählende sein
bester Freund, der Schwächen übersah, oder ein Nebenbuhler des Vorfahren, an dem er kein gutes Haar lässt.
Für jüngere Familienforscher ist die vormals große Bedeutung der Vereine kaum noch nachvollziehbar. Sie bildeten neben der eigenen
Familie häufig einen zweiten Mittelpunkt im Leben früherer Generationen.
Während eines Gesprächs sollte man sich Notizen machen oder ein Diktiergerät (bzw. Kassettenrekorder) zur Aufnahme benutzen.
Verlässt man sich nämlich auf die Gesprächserinnerung, so wird man später häufig feststellen, vieles wieder vergessen zu haben.
Ist ein Besuch nicht möglich, so muss man versuchen, mit einem kurzen, sehr höflich abgefassten Brief zum Ziel zu kommen. Erfahrungsgemäß ist
es günstig, dem Brief einen Fragebogen beizufügen, der genügend Raum für die Antworten lässt. Vergessen Sie nicht, einen ausreichend
frankierten und adressierten Rückumschlag beizufügen!