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Infocenter für die Ahnenforchung


Der Wert historischer Adressbücher

Neben den offensichtlichen Quellen wie etwa Kirchenbücher oder standesamtliche Urkunden gibt es eine Fülle an weiteren Quellen, die für den Ahnenforscher von Bedeutung sind. Dazu gehören unter anderem die Adressbücher, Volkszählungslisten, Einwohner- oder Fremdenmelderegister, Passprotokolle, Briefprotokolle und Häuserbücher, um nur einige zu nennen. In diesem Beitrag werde ich mich auf die Bedeutung der Adressbücher für die Ahnenforschung konzentrieren.

Die heutigen Telefonbücher blicken auf eine illustre Geschichte zurück. Ihre frühen Vorgänger im 18. Jahrhundert waren oftmals noch Adress-Kalender bzw. Staats- oder Hofkalender mit detaillierten Angaben über die Behörden und in öffentlichen Ämtern beschäftigte Personen der jeweiligen Stadt oder Region.

In den ab 1777 fast jährlich erschienenen Mecklenburg Schwerinschen Staatskalendern finden sich neben den behördlichen Angaben auch äußerst interessante Statistiken zum Beispiel mit Angaben über die Anzahlen der Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen. Diese Angaben sind nach verschiedenen Kriterien unterteilt: In Glaubensrichtungen, ob ehelich oder unehelich geboren, ob Bräute jungfräulich oder verwitwet waren, Altersgruppen zum Zeitpunkt des Todes sowie besondere Vorkommnisse wie Selbstmorde oder spektakuläre Todesfälle in dem jeweiligen Vorjahr.

Das Düsseldorfer Addreß-Kalender und Taschenbuch für Geschäftleute im Großherzogtum Berg aus dem Jahr 1811 unterstützte den Kaufmann auf seinen Reisen, da es auch die städtischen Zollsätze sowie Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Postlinien veröffentlichte.

80 Jahre später erscheint in einem Abschnitt des Düsseldorfer Adressbuches von 1891 ausführlich die gesamte Genealogie des deutschen Kaisers, seiner direkten Verwandten sowie der Fürsten von Hohenzollern. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war es oft auch üblich, dass die Geschichte der jeweiligen Stadt oder Region Bestandteil der Adressbücher war (Beispiel: Stadt Teterow in Mecklenburg, 1908).

Mit dem Anstieg der Bevölkerungszahlen in den Städten, sowie der Industrialisierung nahm der Umfang der Adressbücher ständig zu und auch der Inhalt spiegelt den Wandel der Zeiten wider. Ähnlich wie in den heutigen Branchenbüchern erschienen damals schon mehr oder minder großflächige Anzeigen von Anbietern von Waren oder Dienstleistungen. Wobei sich hier allerlei Kurioses finden lässt, was damals zum täglichen Bedarf gehörte, heute jedoch eher Verwunderung hervorbringt.

Ein schönes Beispiel biete hier das Sortiment des Herrn Wilhelm Beisenherz, der in dieser Anzeige im Adress- und Geschäfts-Handbuch von Frankfurt am Main 1868/69, Erster Theil eine erstaunliche Angebotspalette von Kunstgegenständen und Kinderspielzeug über Eisenwaren und medizinische Apparaturen bewirbt.

Auch die Freizeitaktivitäten unterschieden sich stark von heute: 1930 in Berlin zum Beispiel war die geneigte Dame Mitglied in der Damen-Gruppe vom Sängerbund der deutschen Kaufleute. Heute wünscht sich manch einer bei den Schlagzeilen über Wirtschaftsbosse sicherlich den Bund der Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und Verantwortung zurück.

Neben den regulären Adressbüchern, die vergleichbar mit den heutigen Telefonbüchern sind, gab es dann auch noch die überregionalen Berufs- bzw. Standesspezifischen Adressbücher zum Beispiel das Botaniker Adressbuch, das Fleischerei-Adressbuch von Deutschland, das Adressbuch der deutschen Schriftsteller oder das Handbuch über den Königlich Preußischen Hof und Staat.

Historische Adressbücher sind also auch sozialgeschichtlich wichtige und spannende Zeitzeugnisse. Sie sind mit den in ihnen veröffentlichten Informationen oftmals ein Jahrmarkt der Eitelkeiten mit allerlei Kuriositäten bis hin zu heutzutage ausgestorbenen Berufen. Auch haben sie teilweise den Charakter einer heutigen Zeitung. Sie bilden eine interessante Darstellung vergangener und teilweise vergessener Epochen und könnten daher beinahe so manches Geschichtsbuch oder Almanach ersetzen.

Doch nun zu ihrer eigentlichen Bedeutung für den Ahnenforscher:

Solange viele Quellen in Deutschland dem Ahnenforscher wegen der aktuellen Personenstandsgesetze aus Datenschutzgründen verschlossen sind, helfen Adressbücher doch so manche Lücke zu schließen und Frage zu beantworten. Aus diesem Grund konzentriere ich mich hier auf die Zeit nach 1875, weil dieser Zeitraum momentan am relevantesten ist.

Durch eine intensive Recherche mehrerer aufeinander folgender Jahrgänge lässt sich etwa das Jahr eines Todes oder Wegzugs einer Person bestimmen oder zumindest doch eingrenzen. Generell sind Suchen nach Sterbedaten recht aufwendig, besonders wenn es keine Namensregister gibt. Somit kann sich eine Adressbuchsuche wegen der strikten alphabetischen Auflistung der Personen oftmals zeitsparend auswirken.

Besonders in größeren Städten mit mehreren Kirchen oder Standesämtern fällt den Adressbüchern eine wichtige Rolle zu, da sie dem Ahnenforscher helfen, anhand der Wohnanschrift die zuständige Kirchengemeinde bzw. das jeweilige Standesamt zu bestimmen. Auf diese Art kann dann in der jeweiligen Gemeinde in den Kirchenbüchern oder beim örtlichen Standesamt die Forschung fortgesetzt werden.

Beispiel: Sie möchten mehr über die Kaufmannsfamilie BACH ab 1875 in Berlin herausfinden.

In Berlin gibt es heutzutage mehr als 20 Standesämter (1925 waren es schon einmal 88) und leider keine zentrale Stelle mit Namensregistern aller Standesämter. In vielen anderen deutschen Großstädten sind oft durch Kriegsschäden die Namensregister verloren gegangen wie etwa in Dresden, so dass auch hier nur Kopien von Urkunden beantragt werden können, wenn ein genaues Jahr und eine genaue Anschrift bekannt ist. Eine gute Vorrecherche ist also die Voraussetzung zur Vermeidung unnötiger Suchgebühren und mehrmonatiger Wartefristen oder gar einer Ablehnung der Suche durch den zuständigen Standesbeamten.

Im Berliner Adressbuch im Jahr 1875 findet sich:
BACH, H, geb. Behrmann, Kaufmannswitwe, Anhaltstr. 17

Deutung des Eintrags: Der Mann ist 1875 bereits verstorben. Nun gilt es zu klären, was aus der Witwe und möglichen Kindern geworden ist.

Im Jahr 1877 finden sich folgende Einträge zu dieser Familie:
BACH, H. geb. Behrmann, Witwe, Rentiere, Anhaltstr. 17 E.
BACH, A., Frl. Klavier-Lehrerin, Anhaltstr. 17
BACH, D, Frl. Schriftstellerin, Anhaltstr. 17

Deutung des Eintrags: Die Frau Mama ist also mittlerweile Rentnerin und lebt im Erdgeschoß des Hauses, während offensichtlich ihre beiden Töchter mittlerweile auch eine gewisse Selbständigkeit erlangt haben und eigene Wohnungen im selben Haus bewohnen.

Im Jahr 1878:
BACH, H. geb. Behrmann, Witwe, Rentiere, SW, Anhaltstr. 17 L E.
BACH, D, Frl. Schriftstellerin, SW, Anhaltstr. 17 I

Deutung des Eintrags: Mittlerweile werden die Einträge schon durch Angabe der Himmelsrichtungen (SW = Südwesten) näher unterteilt. Frau Bach lebt immer noch in ihrer Erdgeschoßwohnung links, die Schriftstellerin im 1. Stock des Hauses. Das Fräulein Klavierlehrerin BACH ist nicht mehr im Adressbuch aufgeführt, somit ist davon auszugehen, dass sie im vergangenen Jahr geheiratet hat, verstorben oder aus Berlin fortgezogen ist.

Im darauf folgenden Jahr 1879 findet sich lediglich der Adresseintrag der Mutter in der Anhaltstraße 17. Also ist nun auch die zweite Tochter verheiratet, verstorben oder aus Berlin verzogen.

Im Jahr 1880 wohnt keine der drei Damen mehr unter dieser Anschrift und ist auch sonst im Berliner Adressbuch unter einer anderen Adresse nicht auffindbar. Das lässt den Rückschluss zu, dass wohl nun auch die Kaufmannswitwe verstorben ist. Sollte sich keine Sterbeurkunde im Zeitraum 1879/1880 finden lassen, müsste geprüft werden, was aus den Töchtern geworden ist und ob die Dame vielleicht zu einer ihrer Töchter gezogen sein könnte.

Die Adressbücher bieten leider meistens nur einen unrepräsentativen Querschnitt der Bevölkerung: In Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg sind im 19. Jahrhundert nur ca. 40 % der tatsächlichen Stadtbevölkerung in den Adressbüchern aufgeführt. Wenn Sie also einen Vorfahren nicht in den Adressbüchern der jeweiligen Stadt oder Region finden können, muss es nicht unbedingt bedeuten, dass diese Person dort nicht gelebt hat.

Fehlende Einträge in den Adressbüchern sind meist auf die sozialen Strukturen der Zeit zurückzuführen. Viele Bedienstete (Köche, Dienstboten, Hauspersonal etc.) wohnten im Hause der Arbeitgeber und wurde als solche nicht Anwohner im Adressbuch aufgeführt. Um die Jahrhundertwende waren häufige Wohnungswechsel besonders bei Angehörigen der Arbeiterklasse an der Tagesordnung, Ein Faktor hierbei war, dass die Personen als Gegenleistung für einen reduzierten Mietzins in Neubauten die Wohnungen „trocken wohnten“.

In Münchener Adressbuch aus dem Jahr 1874 heißt es auch spezifisch: das „alphabetische Verzeichniß der selbständigen Bevölkerung Münchens mit Standes- und Wohnungs-Angabe“ bei ancestry S. 107

Wohnungsknappheit und mangelndes Einkommen begünstigte währen des 19. Jahrhunderts eine andere Art von Untermietern, die so genannte Schlafgänger. Meist fremde, ledige Arbeiter mieteten auf Stundenbasis gegen ein geringes Entgelt die Benutzung eines Bettes. Während der eigentliche Mieter zur Arbeit ging, schlief der Schlafgänger in dessen Bett. Es kam auch vor, dass besonders arme Familien die Betten auch an zwei verschiedene Schlafgänger vermieteten. Diese Schlafgänger sind dementsprechend in keinem Adressbuch verzeichnet. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Großstädten wie etwa Berlin und Hamburg durchschnittlich in ca. 15 – 20 % der Wohnungen Schlafgänger.

Verallgemeinernd hatten die Adressbücher großer Städte die folgenden Rubriken:

  1. Einwohnerverzeichnis nach Namen
  2. Häuserverzeichnis nach Straßen
  3. Gewerbeverzeichnis bzw. alphabetische Auflistung nach Berufen sortiert
  4. Behördenverzeichnis
  5. Geschäftsanzeigen

Die Adressbucheinträge erlauben Interpretationen und liefern Informationen über die Werdegänge der Vorfahren. Anhand der Anschriften lassen sich soziale Auf- oder eben auch Abstiege nach verfolgen, je nachdem, in welchen Vierteln einer Stadt eine Person wohnte oder ihr Geschäft betrieb. Auch lassen sich berufliche Veränderungen ablesen. Die Angaben der Häuserverzeichnisse lassen den direkten Blick in das soziale Umfeld der Personen zu, da alle Mieter eines Hauses und deren Nachbarn zusammen aufgeführt sind. Da zum Beispiel Taufpaten oder auch Ehepartner der Kinder oftmals aus diesem direkten Umfeld stammten lassen sich auch Informationen über die erweiterte Familie aus den Adressbüchern ziehen.

Anhand der Angaben in den eigentlichen Einträgen lässt sich also auch der soziale Status ablesen: Hat eine Person eventuell schon einen Telefonanschluss? Oder wohnte er oder sie „nur“ im Hinterhaus?

Auch regionale Unterschiede werden schnell ersichtlich: In diesem Eintrag im Dresdner Adressbuch von 1916. erfahren wir ausführliche Details über die militärischen Ehrungen und Auszeichnungen des Herrn Albert Rudolf H. von ABEKEN. In einer Residenzstadt wie Dresden waren dies damals für die soziale Stellung wichtige Angaben.

Der Hinweis im Einwohnerverzeichnis des Hamburger Adressbuches von 1874 auf den Besitz eines Bankkontos unter Angabe der Bank und Kontonummer würde heute als leichtsinnig angesehen werden und zum Missbrauch der Daten einladen. Damals war es ein Zeichen guter Bonität und ein einfacher Adressbucheintrag wurde so für „Marketingzwecke“ genutzt. In einer großen Hafenstadt wo viel internationaler Handel betrieben wurde, war dies für einen Kaufmann eine wichtige und geschäftsfördernde Angabe.

Beim Arbeiten mit historischen Adressbüchern muss man sich wie bei der Arbeit mit anderen historischen Quellen immer auch in die damalige Zeit und die politischen und sozialen Umstände der Zeit aus der die Quelle stammt zurückversetzen, um richtig zwischen den Zeilen lesen zu können. Diese Quelle ermöglicht uns, unsere Vorstellung über das Leben der Vorfahren zu bereichern und wir können etwas mehr nachvollziehen, was sie zwischen ihrer Taufe, Heirat und Beerdigung erlebt haben. Die Recherche in den historischen Adressbüchern ersetzt die Forschung in Kirchenbüchern, Standesamtsurkunden etc. nicht. Die Bücher stellen aber ein wichtiges Hilfs- bzw. Findmittel bei der Suche nach dem Aufbewahrungsort oder Zeitraum von bestimmten Personenstandsdaten dar.

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