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Tipps von Dr. Franz Josef Burghardt:

Besondere Forschungsmöglichkeiten bei Bürgern

Wenn Sie bei Ihrer Suche in alten Kirchenbüchern feststellen, dass ein Vorfahr als „Bürger“ (lat. civis) bezeichnet wird, dann eröffnen sich für Sie ganz neue Forschungsmöglichkeiten. Dies liegt an der besonderen Stellung von Bürgern vor 1800, an ihren Rechten und Pflichten, die sich deutlich von denen der Landbevölkerung unterschied.

Dabei muss man zunächst wissen, dass es im alten Deutschland vor 1806, also im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“, zahlreiche sogenannte Freie Reichsstädte gab, die nur dem Kaiser unterstanden. Ferner gab es überall in den fürstlichen Reichsterritorien Städte, die zumindest über eine kommunale Selbstverwaltung verfügten, die mehr oder weniger umfangreich sein konnte.

In jedem Fall aber wählten die Bürger einer Stadt für eine gewisse Wahlperiode die Ratsmitglieder und diese wiederum einen oder zwei Bürgermeister als Repräsentanten der Stadt nach außen und als Vorsitzenden des Rates. Zuständig war der Stadtrat für nahezu alle die Bürger betreffenden Belange, teilweise auch als erste Gerichtsinstanz. Während in den Freien Reichsstädten auch alle Steuern und Zölle, das Militärwesen sowie die Beziehungen zu anderen Territorien durch den Rat geregelt wurden, besaßen die Landstädte diese Rechte - wenn überhaupt – nur in sehr eingeschränktem Maße. Einige Landstädte hatten allerdings das Recht, einen Vertreter zum Landtag zu schicken und so auf die fürstliche Politik einzuwirken.


Bürger zu sein war also ein besonderes Privileg. Daher musste genau festgehalten werden, wer zu diesem bevorzugten Personenkreis gehörte. Dies geschah mit Hilfe von „Bürgerbüchern“ oder „Bürgerlisten“, in denen in chronologischer Reihenfolge alle Personen aufgeführt wurden, die das „Bürgerrecht“ erwarben. Der „Neubürger“ hatte dabei einen ehrbaren Beruf nachzuweisen und i. a. eine bestimmte Geldsumme an die Stadtkasse zu zahlen.

Solche Bürgerbücher beginnen teilweise schon im späten Mittelalter, so in Frankfurt a. M. 1310, in Braunschweig 1320, in Halle a.d.S. 1405. Dazu gibt es i.a. handschriftliche Register oder auch Veröffentlichungen. Eine nach Städten geordnete Übersicht findet man im Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung. Listen über Entlassungen aus der Bürgerschaft sind selten, z. B. in Frankfurt a.M. 1562-1635. Auskunft über die noch vorhandenen Bürgerbücher und Publikationen dazu gibt in jedem Fall das heute zuständige Stadtarchiv.

TIPP 1:
Versuchen Sie anhand der Bürgerbücher festzustellen, ab wann die Familie Ihres bürgerlichen Vorfahren in der Stadt lebte !

Existiert kein Bürgerbuch, so kann man häufig auf die Ratsprotokolle zurückgreifen, in denen alle Verhandlungen und Beschlüsse des Stadtrates festgehalten wurden. Diese Ratsprotokolle enthalten eine Vielzahl von Informationen über das Leben einer Stadt. Bedenkt man, dass die „Städte“ vor 1800 selten mehr als einige hundert Einwohner hatten, die Anzahl der (männlichen) Bürger also kaum mehr als 100-200 betrug und fast jeder ein Haus besaß, so versteht man, warum in den Ratsprotokollen früher oder später jeder Bürger erwähnt wird, sei es wegen des Umbaues seines Hauses, wegen eines Streites mit dem Nachbarn, wegen seiner Wahl in ein städtisches Amt oder wegen seiner Beschwerde gegen einen Ratsbeschluss.

TIPP 2:
Lesen Sie einmal in den Ratsprotokollen, vor allem dann, wenn Sie mit Hilfe der Kirchenbücher nicht mehr weiterkommen!

Das Lesen in diesen alten Schriften ist teilweise sehr anstrengend und nicht nur Anfänger brauchen etwas Geduld, sich in die Handschrift des Stadtschreibers einzulesen. Verhältnismäßig einfach ist es aber, in den Ratsprotokollen nach Personenlisten zu suchen, so z. B. nach „Musterungslisten“, in denen von Zeit zu Zeit alle wehrfähigen Bürger mit ihrer Bewaffnung aufgeführt wurden. In meinem Buch Familienforschung finden Sie z. B. eine solche Musterungsliste der Stadt Sinzig am Rhein aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.


In vielen Protestantischen Städten Deutschlands gab es den Brauch, am Grab des Verstorbenen eine Predigt mit umfangreichen Angaben zum Lebenslauf zu halten und anschließend drucken zu lassen Sehr viele dieser „Leichenpredigten“ sind bis heute erhalten, so z. B. in Braunschweig 8.600, Bremen 4.400, Erlangen 8.600.,Göttingen 12.000, Hamburg 21.000. Hannover 16.000, Liegnitz 3.400, Roßla/Harz 9.000, Rostock 5.000, Stettin 4.000. Stuttgart 20.300. Zwickau 10.000 usw.

Nur wenige davon sind inzwischen publiziert, für viele Bestände gibt es aber zumindest einen gedruckten Katalog. In jedem Fall verfügen aber die Archive über alphabetische Register, so dass eine Suche einfach ist.

TIPP 3:
Stellen Sie fest, ob zu Ihren protestantischen bürgerlichen Vorfahren Leichenpredigten existieren !

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