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Ancestry

Erinnerungen als Quelle
von Donn Devine, CG, CGI

Die meisten haben ihr Wissen über die eigene Familiengeschichte von ihren Eltern, Großeltern oder anderen Verwandten erlangt – entweder durch die direkte Beantwortung der eigenen Fragen oder durch die Weitergabe von Informationen, die nach Ansicht unserer Eltern, Großeltern oder anderen Verwandten wichtig sind. Die mitgeteilten Informationen stammen dabei aus ihren Erinnerungen – ohne Referenz auf Aufzeichnungen oder andere Unterlagen. Dies ist die Art von Informationen, die den Kern der Ahnenforschung darstellen und auch die Grundlage für alle niedergeschriebenen Familiendaten bilden.

Die aus Erinnerungen stammenden Informationen sind jedoch nicht immer exakt. Um die erinnerten Informationen für ihre Verwendung als Recherchequelle zu bewerten, müssen wir wissen, wie lange solche Informationen im Gedächtnis einer Person oder dem der nachfolgenden Generationen ihre Integrität behalten.

In primitiven Kulturen, in denen keine schriftlichen Belege existieren, gibt es Institutionen und Praktiken für die Bewahrung der Erinnerung wichtiger Informationen aus der Vergangenheit. Ohne vergleichbare eigene kulturelle Traditionen bleibt in unserer Gesellschaft die Frage offen, inwieweit die Erinnerungen anderer Personen als verlässliche Quelle gewertet werden können.

Ein Gedächtnistest
Als ersten Schritt, um die praktischen Grenzen der Erinnerung als genealogische Quelle in unserer modernen, datenbezogenen Gesellschaft zu untersuchen, habe ich einen kurzen Selbstversuch unternommen – und bevor ich das Ergebnis verrate, würde ich Sie bitten, diesen Test auch durchzuführen. Und so funktioniert er:

Schritt 1
Nehmen Sie ein Blatt Papier oder die leere Unterlage eines Familienverbands und notieren Sie aus dem Gedächtnis die Namen sowie die Daten und Orte für Geburt, Eheschließung (und evtl. Todestag) Ihrer Eltern, Ihre eigenen Angaben sowie die Ihrer Geschwister. Lassen Sie dabei alle Angaben frei, die Ihnen nicht augenblicklich einfallen.

Schritt 2
Notieren Sie diese Informationen nun jeweils für Ihre Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits.

Schritt 3
Erweitern Sie Ihre Liste und schließen Sie Namen sowie Daten und Orte zu Ereignissen für Ihren Ehepartner/Lebensgefährten, Ihre Kinder und deren Ehepartner/Lebensgefährten sowie die Ehepartner/Lebensgefährten Ihrer Geschwister ein. Lassen Sie auch dabei die Angaben frei, an die Sie sich nicht erinnern können. Führen Sie diese Datenliste auch noch für eventuell vorhandene eigene Enkelkinder aus.

Schritt 4
Gehen Sie nun zu Ihren Notizen zurück und kreisen Sie die Informationen ein, die Sie sofort gewusst hätten, noch bevor Sie mit der ausgiebigen Ahnenforschung begonnen haben.

Wie gut erinnern sich die Leute an die wichtigen Daten Ihrer eigenen Familiengeschichte? Für alle, die sich für die Familiengeschichte interessieren, sollten Namen, Daten und andere wichtige statistische Angaben zur Verwandtschaft eine leichte Aufgabe sein. Doch obwohl ich mich zu diesen Personen zähle, ergab mein persönlicher Gedächtnistest Folgendes: Nämlich, 1) wie frühzeitig ich Informationen zu Ereignissen im Leben meiner Verwandtschaft ersten Grades (Eltern, Geschwister und Kinder) dauerhaft richtig gespeichert habe und 2) wie viel weniger verlässlich mein Wissen in Bezug auf Ereignisse in einer Generation vorher oder später oder in Abstammungsnebenlinien ist – ganz zu schweigen von den entfernt verwandten Personen.

In Schritt 1 gab es keine Leerstellen, mit Ausnahme der genauen Daten für einige Todesfälle in den letzten Jahren. In Schritt 4 konnte ich alle ausgefüllten Einträge aus Schritt 1 als die markieren, an die ich mich noch aus meiner Kinderzeit erinnere. In den anderen Schritten gab es schon deutlich mehr Unsicherheiten. In Schritt 2 konnte ich zwar die Namen und Geburtsorte für meine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits angeben, markierte diese als „schon seit Kindertagen bekannt“. Im besten Fall waren mir nur ihre Lebensereignisse mit vollständiger Sicherheit bekannt – doch das sind Informationen, die ich erst durch spätere Recherche erfuhr, also keine schon seit langem im Gedächtnis gespeicherten Informationen.

Bei der Frage nach den eigenen Enkelkindern konnte ich zwar angeben, wo sie jeweils geboren wurden. An ihren Geburtstag bzw. das Geburtsjahr – manchmal nur das Datum oder das Jahr – konnte ich mich erst in Verbindung mit anderen Ereignissen erinnern. Bei den Nichten und Neffen war es eine schwierige Aufgabe, alle 16 entsprechend ihrem Alter in die richtige Reihenfolge der Familie einzuordnen. Ich konnte mich an einige Geburtsorte und Orte von Eheschließungen erinnern, jedoch nicht an die zugehörigen Daten. Ich will mir also in Bezug auf die Verlässlichkeit meines Gedächtnisses nichts vormachen und gebe gern zu, dass ich in hohem Maß auf Unterlagen, Notizen und Akten zurückgreife – und dies im Übrigen nicht nur für meine Ahnenforschung, sondern auch für die meisten Bereiche des täglichen Lebens.

Einige von uns können sich sicher besser als andere an bestimmte Dinge erinnern, z. B. auch an wichtige Ereignisse in der eigenen Familiengeschichte. Doch wie verlässlich die eigenen Erinnerungen auch sein mögen, sie werden vermutlich ein ähnliches Muster aufweisen, vorausgesetzt die Familienbeziehungen sind nicht aus irgendeinem Grund bereits auseinandergebrochen. Mit ziemlicher Sicherheit werden Sie feststellen, dass sich die exakte und umfassende Erinnerung nur auf Informationen beschränkt, die uns selbst oder die uns am nächsten stehenden Personen (Eltern, Geschwister, Ehepartner/Lebensgefährte und Kinder) betreffen. Wenn wir versuchen, vergleichbare Informationen zu entfernteren Verwandten aus dem Gedächtnis abzurufen, werden auch die Personen mit sehr gutem Gedächtnis ihre Schwierigkeiten haben, sich exakt an alles zu erinnern, was wir möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt über die betreffenden Personen wussten.

Eine Person, die Sie als Informationsquelle oder Informant nutzen, kann ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben. Sofern jedoch keine besonderen Umstände vorliegen oder bewiesen ist, dass diese Person ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis hat, sind Angaben zu Verwandten über die direkten Familienangehörigen hinaus im Allgemeinen ungenau. Dies gilt sowohl für Datumswerte als auch für Orte in Bezug auf entferntere Verwandte; und auch die Geburtsreihenfolge für Letztere wird – wenn überhaupt – meist nicht korrekt wiedergegeben.

Die richtigen Fragen
Unter Berücksichtigung der Einschränkungen, die das Erinnern der Familiengeschichte beinhaltet, und der Unterschiede dahin gehend, wann und wie ein Informant erstmals bestimmte Fakten erfahren hat, können wir nun weitere Fragen zu den erinnerten Fakten stellen und dann entscheiden, wie objektiv und genau die Erinnerungen in Bezug auf die Realität sind. Es muss uns klar sein, dass alle Fakten in Bezug auf die enthaltenen Informationen von den Erinnerungen einer Person abhängen – egal ob sie gespeichert wurden, als die Erinnerungen noch ganz „frisch“ waren oder erst lange nach dem tatsächlichen Auftreten des Ereignisses. In jedem Fall können für alle Punkte in den Aufzeichnungen und in der mündlichen Darstellung eines Informanten dieselben Fragen gestellt werden.

Nachdem wir festgestellt haben, dass der Informant erwartungsgemäß die Fragen beantwortet hat und es keinen Grund gibt, Tatsachen absichtlich falsch darzustellen, können Sie die folgenden Fragen in Bezug auf die Informationsteile beantworten (Antworten mit „Ja“ sind ein Hinweis darauf, dass die Erinnerungen des Informanten eher den tatsächlichen Fakten entsprechen als Antworten mit „Nein“):

  • Handelt es sich bei der Erinnerung um ein kürzlich erfolgtes Ereignis oder erfolgte die Speicherung bzw. Aufzeichnung dieser Informationen direkt nach dem Eintreten des Ereignisses?
  • War der Informant bei dem Ereignis persönlich anwesend oder erfuhr er es aus erster Quelle?
  • Falls die Informationen von einer anderen Person an den Informanten weitergegeben wurden, erfolgte dies durch den Informanten oder einen Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kind)?
  • Kann sich der Informant an diese Informationen bereits aus seiner Kinderzeit erinnern?

Sobald die Wahrscheinlichkeit einer Verzerrung der Darstellung geklärt ist, wird die Wirkung zweier Grundprinzipien deutlich: 1) Je schneller eine Erinnerung abgerufen oder gespeichert wird, desto stärkeren Einfluss hat sie auf den Informanten selbst oder einen direkten Verwandten und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erinnerung den Tatsachen entspricht; und 2) bei Informationen über die eigene Person und nahe Verwandte, an die man sich bereits aus Kindertagen erinnern kann, handelt es sich nicht um kürzliche Erinnerungen; sie werden jedoch meist mit einer größeren Regelmäßigkeit abgerufen, verwendet und bestärkt als andere weiter zurückliegende Erinnerungen. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass diese Informationen lange im Gedächtnis bewahrt bleiben.

In der Praxis
Der Vorgang, die ursprüngliche Quelle einer Information und deren Zuverlässigkeit zu ermitteln, wird mitunter auch als „Beweisanalyse“ oder „Beweisbewertung“ bezeichnet. Das hört sich möglicherweise bedeutsam an, heißt aber nichts anderes, als dass Fragen gestellt werden, mit deren Hilfe wir bestimmen können, wie vertrauenswürdig bestimmte Informationen sind – insbesondere dann, wenn aus anderer Quelle konträre Informationen bereitgestellt werden.

Wir können sehen, wie diese Prinzipien funktionieren, wenn wir die Informationen einer Sterbeurkunde ansehen: Datum, Uhrzeit und Todesursache wurden vom entsprechenden Arzt direkt nach dem Eintreten des Ereignisses und in professioneller Art angegeben – diese Angaben bieten also eine hohe Verlässlichkeit.

Die familieninternen Informationen über die verstorbene Person weisen hingegen unterschiedliche Verlässlichkeitsstufen auf, je nachdem, wie nah der Informant dieser Person stand. Geburtsdatum, Persönlichkeit der Eltern und die Geburtsorte der Eltern können sehr zuverlässig angegeben werden, sofern diese Informationen vom jeweils anderen Elternteil oder von Geschwistern der verstorbenen Person stammen. Die Informationen sind weniger verlässlich, wenn sie von einem Verwandten jüngeren Alters stammen oder wenn es sich bei dem Informanten um einen Freund, Nachbarn oder Geschäftskollegen oder -partner handelt. Beachten Sie auch, dass in einem besonderen Fall die Informationen vollständig den Tatsachen entsprechen können oder – wenn durch den Stress des schmerzlichen Verlusts die Erinnerungen versagen – vollkommen erfunden sind, um den Antworten des Fragenstellers Genüge zu tun.

Das Gedächtnis – anfällig wie es ist – bildet die Grundlage für die meisten Informationen, auf denen Ahnen- und Familienforschung basiert. Dies gilt unabhängig davon, ob die Erinnerung zu einem bestimmten Zeitpunkt gespeichert oder direkt durch den Informanten in einem Gespräch weitergegeben wurde. Das Wissen, wie Sie verlässliche Aussagen von weniger verlässlichen unterscheiden können, hilft Ihnen dabei, nicht durch Informationen fehlgeleitet zu werden, die nicht die tatsächlichen Fakten widerspiegeln. Wenn Sie sich also die Zeit nehmen, den Informanten bzw. die Informationsquelle nach Name oder Verwandtschaftsgrad zu bestimmen, kann dies auch hilfreich bei der Unterscheidung sein, welche erinnerten Ereignisse wahrscheinlich so stattgefunden haben und welche Erinnerungen eher als unzuverlässig einzustufen sind.

Donn Devine, CGSM, CGISM, genealogischer Berater aus Wilmington, Delaware, ist als städtischer rechtskundiger Beamter und Archivar der katholischen Diözese Wilmington tätig. Er war früher Vorstandsmitglied der National Genealogical Society, hält derzeit den Vorsitz des Standards Committee der National Genealogical Society, ist als Bevollmächtigter des Board for Certification of Genealogists® tätig und zuständig für das DNA- und Nachnamenprojekt für Devine und Baldwin.

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