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Wichtige Aufzeichnungen: Oral History
Von Elizabeth Kelley Kerstens, CG, CGL

Bitten Sie zwei Menschen, Ihnen von demselben Ereignis oder derselben Person zu erzählen, und Sie erhalten zwei verschiedene Geschichten. Die Fakten mögen gleich bleiben: Großvater war 1,80 Meter groß und kam während eines Schneesturms zur Welt. Aber die Perspektive ist vom Erzähler der Geschichte abhängig.

Als Familienhistoriker sollten Sie sich all diese individuellen Nuancen merken. Dies kann durch eine Sammlung mündlich übertragener Geschichten geschehen – einer so genannten Oral History.

Warum Oral History?
Wir haben alle schon Geschichten unserer Familie gehört. Aber es besteht ein Unterschied darin, Ihre Version einer Familiengeschichte aufzuschreiben und dieselben Geschehnisse aus dem Mund einer Person, die dabei war oder die sich eine Generation näher an dem Ereignis befindet, zu hören. Wenn Sie die Worte direkt an der Quelle aufzeichnen, nehmen Sie die Ansicht des Sprechers mit in Ihre Geschichte auf und erstellen somit eine Oral History.

Oral Histories sind geplante und aufgezeichnete Gespräche, durch die alles, was der Befragte sagt, für die Nachwelt erhalten bleiben soll. Für den Familienhistoriker bedeutet das: Oral Histories sind Aufnahmen von Erzählungen – Kassetten, Dokumente oder beides – in der ersten Person, die über die Lebenserfahrungen dieser Person berichten.

Es stehen zwei grundlegende Methoden zur Verfügung, ein Oral-History-Gespräch zu führen: angeleitet und nicht angeleitet. In einem angeleiteten Gespräch stellt ein Interviewer Fragen, basierend auf vorhergehenden Hintergrundforschungen, die sich spezifisch auf die befragte Person beziehen. In einem nicht angeleiteten Gespräch werden Fragen aus einer vorbereiteten Liste an mehrere Personen gestellt. Dies ist beispielsweise nützlich, wenn Sie Antworten von einer Personengruppe erwarten, die alle am selben Ereignis teilgenommen haben.

Planen eines Oral-History-Projekts
Zuerst müssen Sie den Umfang Ihres Oral-History-Projekts festlegen. Wer soll befragt werden? Was möchten Sie erfahren? Möchten Sie Ihren Großvater zu seinem gesamten Leben befragen oder nur zu bestimmten Ereignissen?

Wenn Sie das Gespräch selbst führen möchten, sollten Sie sich bewusst sein, dass Sie möglicherweise Geschichten hören, die Sie eigentlich nicht hören möchten, oder dass der Befragte Ihnen etwas nicht mitteilen möchte. In solchen Situationen sollte besser ein Außenstehender das Gespräch führen.

Als Nächstes müssen Sie entscheiden, wie viele Gespräche Sie führen möchten. Während Sie voller Eifer sind, ist der Befragte möglicherweise körperlich eingeschränkt oder hat andere Termine, die Ihr Gespräch verkürzen. Wenn der Befragte nicht länger als eine Stunde Zeit hat, können Sie eine Reihe von Gesprächen im Laufe mehrerer Wochen ansetzen. Falls der Befragte jedoch weit entfernt lebt, muss ein einziges Gespräch eventuell ausreichen.

Sie benötigen einen Ort, um das Gespräch zu führen. Aufgrund der Nebengeräusche ist das Haus des Befragten oder ein Café möglicherweise nicht der ideale Ort, da Hintergrundgeräusche sich auf die Qualität der Aufzeichnungen auswirken. Falls möglich, testen Sie vorher Ihre Aufnahmegeräte genau an dem Ort, an dem Sie das Gespräch führen möchten, um herauszufinden, ob Verbesserungen oder eine Umplanung notwendig sind.

Vor einem Gespräch sind detaillierte Forschungen zum Befragten ein Muss. Sie sollten mehr wissen als nur die Geburts- und Hochzeitsdaten Ihres Gesprächspartners. Sie sollten darüber informiert sein, wo der Befragte aufgewachsen ist, wie sein Leben in der Familie aussah, welche Arbeit er hatte, welche anderen wichtigen Erlebnisse wie Hochzeit und Kinder stattfanden. Je mehr Sie über die Person wissen, desto einfacher können Sie eine Liste mit Fragen erstellen und während des Gesprächs konzentriert auf Ihr Ziel hinarbeiten.

Notieren Sie während Ihrer Recherchen offene Fragen, auf die Sie gern eine Antwort hätten. Vermeiden Sie Fragen, die mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden können. Manchmal ist als Richtlinie auch eine Liste mit wichtigen Stichpunkten und eine Zeitleiste des Lebens der Person geeignet.

Audio- oder Videoaufnahmen?
Sollen Sie ein Gespräch als Video oder Audio aufnehmen? Diese Entscheidung liegt nicht immer bei Ihnen. Manchmal ist eine Person, der es nichts ausmacht, in einen Rekorder zu sprechen, unwillig, sich filmen zu lassen. Im Zweifelsfall sollten Sie Ihren Gesprächspartner immer vorher fragen. Denn Ihr Gespräch wird besonders fruchtbar, wenn der Befragte sich in der Umgebung wohl fühlt.

Wenn Sie planen, ein Gespräch als Video aufzunehmen, benötigen Sie eine qualitativ hochwertige Videokamera mit einem externen Mikrofon. Möglicherweise lohnt es sich sogar, professionelle Ausrüstung zu leihen. Denken Sie daran, die Geräte vor dem Gespräch zu kontrollieren. Wählen Sie haltbares und hochwertiges Material, das sich für die Aufzeichnung und eine Langzeitlagerung eignet. In Audio- oder Elektronikgeschäften können Sie sich beraten lassen, welche Produkte für Ihre Zwecke besonders geeignet sind.

Wenn Sie ein Video aufzeichnen, ist eventuell eine dritte Person für den Betrieb der Kamera notwendig. Ohne einen „Kameramann“ können Sie selbst oder auch der Befragte während des Gesprächs abgelenkt werden, wenn Sie beispielsweise das Bild neu ausrichten müssen. Befestigen Sie die Kamera auf einem Stativ und bringen Sie bei Ihrem Gesprächspartner und bei Ihnen selbst ein Mikrofon am Kragen an. Diese Art Mikrofon führt zu den besten Ergebnissen. Stellen Sie sicher, dass die Stromversorgung der Kamera und der Mikrofone gewährleistet ist bzw. dass ausreichend geladene Batterien eingelegt sind.

Rechtliche Fragen
Das Urheberrecht sollte beachtet werden, auch wenn Sie nur ein informelles Gespräch mit Ihrer Großmutter führen. Rechtlich gesehen haben der Befragte und der Fragensteller Urheberrechtsansprüche an das Oral-History-Gespräch. (Ausnahme: Der Fragensteller führt das Gespräch als bezahlte Auftragsarbeit durch.) Auch wenn das Urheberrecht niemals zur Sprache kommt, sollten Sie sich vor Unklarheiten schützen, indem Sie selbst und der Befragte vor dem Gespräch einen kurzen Veröffentlichungsvertrag unterschreiben.

Führen eines Gesprächs
Bevor Sie das Gespräch beginnen, achten Sie noch einmal auf mögliche Hintergrundgeräusche. Falls möglich, schalten Sie alle Telefone aus. Stellen Sie sicher, dass das Mikrofon nicht in der Nähe eines Ventilators oder eines anderen Geräts steht, das ein konstantes – wenn auch leises – Geräusch erzeugt. Alle Materialien wie Fotos oder Souvenirs sollten in Reichweite liegen.

Beginnen Sie die Aufnahme mit Details dazu, wer Sie sind, wer der Befragte ist und wer sich noch im Raum befindet. Geben Sie auch das Datum und den Ort des Gesprächs an sowie Ihre geplanten Themen. Weisen Sie darauf hin, dass der Fragende und der Befragte einen Veröffentlichungsvertrag unterzeichnen. Wenn Sie das Gespräch als Video aufnehmen, können Sie all diese Fakten in großen Buchstaben auf einem Blatt Papier aufschreiben und diese Seiten filmen, wie eine „Klappe“ beim Film.

Wenn Sie das Gespräch als Audio aufnehmen, könnten Sie eventuell eine kleine Kamera mitbringen, um einige Fotos des Befragten zu schießen, während Sie sich unterhalten. Machen Sie auch Fotos von Gegenständen oder Dokumenten, die der Befragte mitbringt.

Führen Sie das Gespräch so, dass der Befragte sich wohl fühlt. Schauen Sie ihm in die Augen und achten Sie auf Zeichen von Langeweile oder Müdigkeit. Akzeptieren Sie die Wünsche des Befragten – schließlich tut er Ihnen einen Gefallen. Bieten Sie Pausen an und bleiben Sie nicht zu lange. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie auf weitere Gespräche mit dieser Person hoffen.

Nach dem Gespräch
Machen Sie nach dem Gespräch mindestens zwei Sicherungskopien der Aufnahme – eine für den Befragten und eine für sich selbst. Lagern Sie das Original an einem sicheren Ort. Verwenden Sie Ihre Sicherung, nicht das Original, um die schriftliche Abschrift zu erledigen.

Die Abschrift ist möglicherweise der brauchbarste Teil des Gesprächs für den Forscher selbst und seine Nachfahren. Deshalb ist hier besondere Sorgfalt geboten. Wenn Sie die Abschrift nicht selbst machen können, sollten Sie einen professionellen Schreibdienst in Erwägung ziehen.

Wenn Sie keine besondere Ausrüstung für die Abschrift haben, verwenden Sie auf Ihrem Aufnahmegeräte die Start- und Stopptasten statt der Pausetaste, um das Band zu schonen. Verwenden Sie unbedingt die Sicherungskopie, um das Original nicht zu beschädigen. Um das Band zu schonen, versuchen Sie auch, zuzuhören, das Band anzuhalten, den Teil des Gesprächs aufzuschreiben und das Band anschließend wieder zu starten. Vermeiden Sie es, zurückzuspulen.

Sobald Sie die Abschrift erledigt haben, können Sie Unklarheiten bearbeiten oder Stellen kürzen. Achten Sie jedoch darauf, nicht die Stimme und den Charakter des Befragten zu verfälschen. Denn genau deshalb wollten Sie ja eine Oral History erstellen.

Schließlich, nachdem Sie alle Bearbeitungen abgeschlossen haben, können Sie die Abschrift in ein leserliches Format bringen. Digitalisieren Sie Ihre Bilder und fügen Sie sie der Abschrift mithilfe einer Veröffentlichungssoftware hinzu. Auch gescannte Versionen wichtiger Dokumente sollten der Oral History beigefügt werden. Stellen Sie ein Exemplar des Bandes und der Abschrift der historischen Gesellschaft der Stadt zur Verfügung, in der der Befragte lebt. (Vergessen Sie nicht, die unterschriebene Urheberrechtserklärung beizufügen.) Und natürlich muss auch der Befragte ein Exemplar erhalten. Denn Sie haben mit Ihrer Oral History dazu beigetragen, einen kleinen Teil seines Vermächtnisses zu erhalten.

Referenzen

  • Baum, Willa K. Transcribing and Editing Oral History (Walnut Creek, Calif.: AltaMira Press, 1995).
  • Baylor University Institute for Oral History. Transcribing Style Guide.
  • Gluck, Sherna Berger. An Oral History Primer.
  • Ritchie, Donald A. Doing Oral History 2d ed. (New York: Oxford University Press, 2003).
  • Schorzman, Terri A. A Practical Introduction to Videohistory: The Smithsonian Institution and Alfred P. Sloan Foundation Experiment (Melbourne, Fla.: Krieger Publishing Co., 1993).

Alle Oral-History-Ausschnitte stammen aus einem Oral-History-Gespräch mit Walter Albert Kelley, geführt von Elizabeth Kelley Kerstens am 4. September 1995.

Elizabeth Kelley Kerstens, CG, CGL, ist Geschäftsführerin bei Genealogical Computing und dem NGS NewsMagazine und schreibt häufig Beiträge für Ancestry Magazine.

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