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Russische, deutsche und österreichische Vorfahren in Polen

Warum lebten viele österreichische, russische und deutsche Auswanderer in Städten, die sich in Polen befinden? Der Grund dafür ist, dass Polen sowohl ein autonomer Staat als auch eine Reihe von Provinzen unter deutscher, österreichischer und russischer Verwaltung war. Norman Davies, Autor von God’s Playground: A History of Poland (2 Bände, New York: Columbia University Press, 1982) weist darauf hin, dass die heutige Republik Polen nicht der Nachfolger früherer Versionen eines polnischen Staates ist. Jede Inkarnation Polens war einzigartig im Hinblick auf seine Grenzen und den Aufbau seiner Gesellschaft.

Die Nation Polen hat ihre Wurzeln in den slawischen Stämmen zwischen Oder und Weichsel in der nordeuropäischen Ebene, die sich vom Atlantik im Westen bis in das Uralgebirge im Osten erstreckt. Im Jahre 1563 herrschte die polnische Krone aufgrund der Vereinigung der Königreiche Polen und Litauen über ein Gebiet, zu dem das heutige Polen, Litauen, Weißrussland und die Ukraine gehörten. Und dennoch existierte Polen ab 1795 nicht mehr als Nation.


Teilung und Eroberung
In der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts verhinderten polnische Adlige in dem Bestreben, ihre Macht zu stärken, jeglichen Versuch eines Königs, eine starke, zentrale Herrschaft zu etablieren. Die Nachbarn Polens erkannten die Schwäche des Landes, fürchteten aber, dass der eine oder andere unter ihnen durch die Übernahme Polens Vorteile erzielen würde. Daher beschlossen sie, das Land unter sich aufzuteilen. Bei der Aufteilung von 1772, 1793 und 1795 ging Nord- und Westpolen an die Preußen (Westpreußen, Posen und Mazovien), Südpolen an die Österreicher (Galizien und Lodomerien) und Ostpolen an die Russen (einschließlich Litauen, Weißrussland und der östlichen Ukraine). Zwölf Jahre später, im Jahre 1807, hob Napoleon die Aufteilung durch die Errichtung des Großherzogtums Polen auf. Nach dem Tod Napoleons wurde gemäß dem Vertrag von Wien Posen an Preußen und Galizien an Österreich zurückgegeben. Das ehemals russische Gebiet ging größtenteils wieder an Russland. Beim Wiener Kongress wurde das Zentralgebiet Polens einschließlich Warschaus zum Königreich gemacht, das allgemein als Kongresskönigreich Polen bekannt war. Der russische Kaiser wurde zum König dieses neuen Königreichs ernannt. Fortwährende Aufstände der Polen gegen die Russen führten 1874 zur vollständigen Einverleibung von Kongresspolen in das russische Kaiserreich.

Der Vertrag von Wien sah keine Rückgabe von Krakau und Umgebung in Nordost-Galizien an Österreich vor. Stattdessen verlieh er dem Gebiet Autonomie als Republik Krakau. Es blieb der einzige unabhängige Teil Polens bis 1846. Bei einem Bauernaufstand gegen Grundbesitzer in jenem Jahr wurde ein Eingreifen Österreichs gefordert, mit dem Ergebnis, dass die Republik Krakau Österreichisch-Galizien angegliedert wurde.


Endlich vereint
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs blieb Polen nur eine Idee, aber keine Nation. Von 1918 bis 1921 entstand nach Kriegen und Volksabstimmungen eine neue polnische Republik, der nahezu alle Regionen unterstanden, die einst bei der Aufteilung an Russland und Österreich gegangen waren. Diese Republik umfasste auch die zuvor unter deutscher Herrschaft stehenden Gebiete Posen, Nordschlesien und einen Korridor zur Ostsee, der durch jenes Gebiet verlief, das das westliche Grenzland von Westpreußen gewesen war.

Der Republik Polen war jedoch nur eine kurze Lebensdauer beschert. Am 27. September 1939 kapitulierte Warschau vor den deutschen Angreifern und die Deutschen teilten ihre Kriegsbeute mit den sowjetischen Alliierten, die von Osten her in Polen eingedrungen waren. 1945 wendete sich das Blatt. Die Deutschen übergaben Polen an die Sowjets, die nun mit den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich im Bunde standen. Der Weg war frei für die Entstehung eines neuen Polens. Die Ukraine, Weißrussland, ganz Litauen und die nördliche Hälfte von Ostpreußen wurden aus der Volksrepublik Polen ausgeschlossen. Seine nördliche Grenze reichte bis zum Baltikum und seine südliche Grenze erstreckte sich bis zu den Karpaten. Die Westgrenze folgte der Neiße nördlich ihres Zusammenflusses mit der Oder und setzte sich nördlich entlang der Oder und anschließend nord-nordöstlich bis nach Swinemünde (Swinoujscie) an der Ostseeküste fort. Die südöstliche Grenze Polens überschnitt sich mit der Grenze der Slowakei an der Stelle, wo der Fluss San in den Karpaten entspringt. Anschließend folgte die Grenze einer Linie nördlich des Flusses Bug und verlief parallel zum Fluss in Richtung Norden. In Brest verlief die Grenze für weitere 257 km in Richtung Norden, um dann nach Westen abzuknicken und an der Ostsee nahe der polnischen Stadt Braniewo zu enden. Diese Grenzen sind bis in die heutige Zeit bestehen geblieben – die Volksrepublik Polen hingegen nicht. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs löste sich auch die von den Sowjets gestützte Regierung in Warschau auf.  1989 wurde die Republik Polen ins Leben gerufen. Heute wird Polen von einer vom Volk gewählten Regierung geleitet und ist bestrebt, seinen Platz in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten einzunehmen.


Wiedererlangte Aufzeichnungen
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg flüchteten nicht-polnische Minderheiten aus Polen und hinterließen eine Nation, deren Bürger fast alle Polen waren – anders als in den verschiedenen Varianten des Polens der Vergangenheit. Als die Bewohner Nachkriegspolens den Schutt ihrer zerstörten Städte beseitigten, stellten sie fest, dass viele Aufzeichnungen, die von früheren Machthabern Polens angefertigt worden waren, den Krieg heil überstanden hatten. Es wurde ein nationales System von Staatsarchiven zur Aufbewahrung und Gliederung dieser Aufzeichnungen geschaffen. In den Hauptstädten und anderen Städten aller Wojewodschaften (Provinzen) wurden Archive errichtet. Diese Staatsarchive wurden (und werden immer noch) von der Nationaldirektion der Staatsarchive in Warschau verwaltet. Die historischen Aufzeichnungen, die in den Gebieten entstanden, welche sich heute innerhalb der Provinzgrenzen befinden, wurden in den Dienststellen aller Provinzarchive gesammelt und aufbewahrt. Alle Aufzeichnungen, die älter als 100 Jahre sind, mussten diesen Archiven übergeben werden. Die meisten Bürgerämter kamen dieser Aufforderung nach, die Kirchen jedoch zeigten sich widerwillig, da sie es vorzogen, ihre Aufzeichnungen selbst aufzubewahren oder sie an zentrale Kirchenarchive zu übergeben.

Bei der Identifizierung der Aufzeichnungen fielen den Archivaren Lücken auf. Zuerst nahm man an, dass diese Aufzeichnungen vernichtet worden oder verloren gegangen waren. Als sich die Kommunikation mit den Archivaren der benachbarten Nationen verbesserte, stellte man fest, dass viele Aufzeichnungen während des Nachkriegs-Exodus von Nicht-Polen in Nachbarländer verbracht worden waren. Daher muss der Familienhistoriker manchmal an mehreren Orten nach Aufzeichnungen zu seinen Vorfahren suchen. Während des Zweiten Weltkriegs unterstand Polen zunächst deutscher Aufsicht, um am Ende des Kriegs unter sowjetische Herrschaft zu fallen. Aufzeichnungen im Zusammenhang mit den Kriegsjahren sowie außer Landes geschaffte Aufzeichnungen aus früheren Perioden der Geschichte können heute in deutschen, russischen, weißrussischen und ukrainischen Archiven gefunden werden. Die Archive in diesen Ländern unterstehen zentralen Archivverwaltungen, deren Adressen in den folgenden Publikationen zu finden sind: The World of Learning (London: Europa Publications, 1948 ff.) und Ernest Thode, The German Genealogist’s Address Book (Baltimore: Genealogical Publishing Co., 1997).


Provinzarchive
Jede Provinz in Polen ist nach ihrer Hauptstadt benannt. Jede Provinzhauptstadt beherbergt ein Staatsarchiv, in dem Aufzeichnungen zu dem Gebiet, das zu der jeweiligen Provinz gehört, aufbewahrt werden. Einige Aufzeichnungen befinden sich in Zweigstellen an verschiedenen Orten der Provinz. Indem der Forscher sich mit den Mitarbeitern der Archive in den Provinzhauptstädten in der Nähe der Geburtsstadt seiner Ahnen in Verbindung setzt, kann er Aufzeichnungen zu den Heimatstädten seiner Vorfahren erhalten oder zumindest Hinweise darauf, wo sie sich befinden. Anstatt ins Blaue hinein Archive zu kontaktieren, kann der Familienhistoriker sich auch direkt an die Nationaldirektion der Staatsarchive in Warschau wenden.  Dieses Amt bearbeitet bereits seit vielen Jahren alle Anfragen von Ahnenforschern. Die Archivmitarbeiter in Warschau leiten die Briefe der Forscher an die entsprechenden Archive weiter. Die Adresse der Hauptgeschäftsstelle der polnischen Staatsarchive lautet Naczelna Dyrekcja Archiwów Pa´nstwowych, skr. poczt. 1005, ul. Dluga 6, 00–950 Warschau, Polen.

Bis vor kurzem mussten Familienhistoriker, die die Archivressourcen Polens nutzen wollten, eine schriftliche Erlaubnis vom Sekretariat des Nationaldirektors der Staatsarchive in Warschau einholen. Heute sind die Direktoren der Provinz-Staatsarchive befugt, Zugang zu den Quellen in ihren Archiven zu gewähren. Familienhistoriker sollten einige Zeit vor ihrem Besuch in Polen schriftlich darum bitten, die Archive betreten zu dürfen.


Kirchenarchive
Die römisch-katholischen, orthodoxen, uniatischen und evangelischen Kirchen Polens bewahren Aufzeichnungen heute im Allgemeinen in der Pfarrei auf; manche finden sich jedoch auch in zentralen Kirchenarchiven. Um in Erfahrung zu bringen, wo sich die Pfarreiarchive befinden, muss ein Brief an die Erzdiözese oder Diözese des Gebiets gerichtet werden. Die Adressen sind in den oben genannten Publikationen zu finden oder können über das nächstgelegene polnische Konsulat oder die polnische Botschaft erfragt werden. Ahnenforscher, die ein Verzeichnis aller Regierungs- und Kirchenaktivitäten in Polen wünschen, können die folgende Publikation bei der oben genannten Adresse anfordern: Archiwa w Polsce. Informator Adresowy (Warszawa: Naczelna Dyrekcja Archiwów Pa´nstwowych, 1994).

Bevor sich der Familienforscher an die Archive wendet, sollte er zuerst in Erfahrung bringen, ob es in der Family History Library in Salt Lake City vielleicht bereits Kirchen- oder andere Aufzeichnungen aus der betreffenden Stadt auf Mikrofilm gibt. Die Bibliothek verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Kirchenaufzeichnungen aus Polen. Diese Aufzeichnungen können mithilfe der Ortssuchfunktion im Katalog der Family History Library gefunden werden. Die Aufzeichnungen sind im Katalog unter den entsprechenden polnischen, deutschen und russischen Namen zu jedem Ort beschrieben.


Österreichisch, deutsch oder russisch?
Welche Regionen in Polen gehörten zu Deutschland, welche zu Russland oder Österreich?

Der Anteil des österreichischen Kaiserreichs aus der Aufteilung Polens war das Königreich Galizien und Lodomerien (1773–1809), das beim Wiener Kongress auf das Königreich Galizien verkleinert wurde (1815–1918). Heute ist Galizien zwischen Polen und der Ukraine geteilt. Die südlichen Provinzen Polens umfassen diese frühere österreichische Region. Die Hauptstädte der Provinzen sind Bielsko-Biala, Kraków, Nowy Sacz, Tarnów, Tarnobrzeg, Rzeszów, Krosno, Przemysl und Zamósc.

Dem russischen Kaiserreich unterstand der Großteil von Zentral- und Ostpolen, der aus der Aufteilung von 1918 hervorging. Im Folgenden sind die Provinzhauptstädte der Gebiete aufgeführt, die sich früher unter russischer Verwaltung befanden: Suwalki, Bialystok, Lomza, Ostroleka, Ciechanów, Plock, Konin, Warszawa, Siedlce, Biala Podlaska, Chelm, Lublin, Radom, Skierniewice, Lódz, Sieradz, Kalisz, Czestochowa und Kielce.

Die folgenden sind die Hauptstädte der polnischen Provinzen, die früher preußisches Gebiet waren (die deutsche Version der Namen ist in Klammern beigefügt): Katowice (Kattowitz), Opole (Oppeln), Walbrzych (Waldenburg), Wroclaw (Breslau), Legnica (Legnitz), Jelenia Góra (Hirschberg), Zielona Góra (Grünberg), Leszno, Poznan (Posen), Gorzów Wielopolski (Landsberg), Szczecin (Stettin), Pila (Schneidemühl), Koszalin (Koslin), Slupsk (Stolp), Gdansk (Danzig), Elblag (Elbing), Bydgoszcz (Bromberg), Torun (Thorn) und Olsztyn (Allenstein). Der östliche Teil der heutigen polnischen Provinz Suwalki befand sich in der preußischen Provinz Ostpreußen und die Nordhälfte von Ostpreußen ist heute die Provinz Kaliningrad und gehört zu Russland.

Das Wissen um die Umstände, warum deutsche, österreichische und russische Vorfahren aus Städten stammten, die sich heute in Polen befinden, wird dem Forscher dabei helfen, herauszufinden, wo er heute Aufzeichnungen zu seinen Vorfahren findet. Ahnenforscher sollten örtliche Bibliotheken, vor allem Universitätsbibliotheken, aufsuchen und dort nach Atlanten des deutschen, österreichischen und russischen Kaiserreichs suchen, die vor 1918 veröffentlicht wurden. Die Karten in diesen Büchern helfen herauszufinden, wo genau sich die Heimatstädte der Vorfahren befanden. In deutschen, österreichischen und russischen geografischen Lexika aus derselben Zeit sind kleinere Gemeinden beschrieben, was die Suche nach Städten in Atlanten einfacher macht.


Weitere Informationen
Die Nationaldirektion der Staatsarchive in Warschau unterhält eine Website, die Informationen zu ihren Beständen bietet. Auf der Site wird von einer Flut im Südwesten Polens im letzten Juli berichtet, die zu Beschädigungen im Staatsarchiv geführt hat, insbesondere an Archiven, die der Direktion des polnischen Staatsarchivs übergeben wurden.


--Raymond S. Wright III ist Professor an der Brigham Young University in Provo, Utah, USA, wo er Ahnenforschungsmethoden, europäische Familiengeschichte und deutsche und lateinische Paläografie unterrichtet.

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